Armut hat viele Gesichter, eines hässlicher als das Andere

Der hier hochgeschätzte Politkommissar Timofey Bizyajev hat mich auf diesenThread hier aufmerksam gemacht, der eigentlich für sich spricht und das erste Posting sinnvoll ergänzt.

http://blogg.zeit.de/hartz/eintrag.php?id=67

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Hartz IV und Billigjobs machen arm – in Neukölln fällt es nicht auf

Als Hartz IV-EmpfängerInnen werden wir von den Jobcentern zunehmend Kontroll- und Herrschaftsmechanismen unterworfen wie sie zuvor an MigrantInnen ausprobiert worden sind. Wir müssen zu jeder Zeit für Beratungsgespräche und Job-Angebote zur Verfügung stehen. Wollen wir den Ort unseres Jobcenters verlassen, brauchen wir die Genehmigung unseres Fallmanagers und die kann er uns ohne Angaben von Gründen verweigern. Auch jeder Wohnungswechsel, jede Veränderung unserer persönlichen Lebensverhältnisse soll von den Ämtern begutachtet werden. So war es längst nicht mehr nur eine Satire oder verunglückte Idee, als im letzten Jahr der hessische Justizminister Wagner Fussfesseln für Erwerbslose in die Diskussion gebracht hat. Eine Residenzpflicht für Erwerbslose zumindest besteht faktisch schon durch die beschriebenen Maßnahmen.

Dieser ganze Druck dient in erster Linie dazu, unsere Arbeitskraft unter den schlechtesten Bedingungen zu verkaufen. Selbst offizielle Studien können nicht mehr leugnen, dass Armut längst nicht mehr ein Problem von Erwerbslosen darstellt. Zunehmend fallen vollerwerbstätige KollegInnen unter einen Monatslohn, der zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist. Ganze Berufszweige wie der Einzelhandel sind schon zum Billiglohnsektor geworden. Stundenlöhne unter 5 Euro sind keine Seltenheit. Durch die Aufhebung der Ladenschlussbestimmungen ist es ist es für KollegInnen in Billigladenketten häufig üblich, bis spät in die Nacht arbeiten zu müssen. Einst tariflich erkämpfte Standards wie Urlaubsgeld, Tariflöhne, 37,5 Stundenwoche etc. sind für viele KollegInnen nicht mehr gegeben.

Praktika und unbezahlte Arbeit
Zunehmend werden die Arbeiten von PraktikantInnen erledigt, die für ihre Arbeit überhaupt keinen Lohn mehr bekommen. Längst sind es nicht mehr nur junge AbiturientInnen, die sich von Praktikum zu Praktikum hangeln. Im Einzelhandel und auch im Dienstleistungsgewerbe nimmt das Praktikantenunwesen ebenfalls zu. Berufsausbildungen werden meistens nur noch geringfügig oder gar nicht mehr entlohnt bzw. vom Staat bezuschusst.
Von der Vollzeitarbeit zum Arbeitslosengeld II und der menschenunwürdigen Abschiebepraxis von MigrantInnen zeigt sich das Ziel von Kapitaleigner und Vermögenden: Nur gewünschte und verwertbare Arbeitskraft soll in der BRD zum Hungerlohn schuften, die ungewünschten Nichtverwertbaren schiebt der Staat ins Ausland oder in die Einkommenslosigkeit ab.

In der Öffentlichkeit wurde die neue Armut erst verstärkt wahrgenommen, als JungakademikerInnen nicht mehr automatisch mit einem Studienabschluss das Ticket für einen gesellschaftlichen Aufstieg in der Tasche hatten. Im Jobcenter und auf dem PraktikantInnenmarkt sind sie nur weitere KonkurrentInnen für schlecht oder gar nicht entlohnte Arbeit. Der Begriff der prekären Lebens- und Arbeitsverhältnisse, der schon von Jahren von sozialen Bewegungen wie dem Mayday zur Kritik an den Ausbeutungsverhältnissen verwendet wurde, hat längst in den Mainstreammedien und den PolitikerInnenzentralen Eingang gefunden. Damit soll signalisiert werden, dass ein Problembewusstsein entstanden sei und über Abhilfe diskutiert wird. Debatten um den Mindestlohn sind nur aktuelle Beispiele.
Die Einführung eines Mindestlohnes kann für Teile von unserer Klasse eine Verbesserung bedeuten, wenn er denn hoch genug angesetzt ist. Ein zu niedrig angesetzter Mindestlohn kann dagegen in der Realität auch die Funktion eines Höchstlohnes annehmen und unsere Lebenssituation weiter verschlechtern.

Unser Kampf ist grenzenlos
Wir solidarisieren uns mit Lohnabhängigen, die für ihre Interessen Kämpfen, überall auf der Welt, egal wo sie leben und arbeiten. Deshalb sind auch der ukrainische Bauarbeiter oder die indische Krankenschwester, die in Deutschland ihre Arbeitskraft verkaufen, PartnerInnen im Kampf bei der Verbesserung unserer Lebens- und Arbeitsverhältnisse. So sind auch VW-AutomobilarbeiterInnen in Pamplona/Euskadi oder Continental-MitarbeiterInnen in Mexiko keine StandortkonkurrentInnen sondern Lohnabhängige, mit denen wir uns solidarisieren und von deren Kampf wir lernen können. Die europaweite Bewegung der Euromärsche, die in diesem Jahr in mehreren Routen durch deutsche Städte ziehen, sind ein erster Anfang für ein gemeinsames Handeln.
Wenn wir uns nach Land oder Standort gegeneinander ausspielen lassen, hat nur das Kapital die Vorteile. Dabei wissen wir aus Erfahrung: Selbst den kleinsten Erfolg müssen wir dem Kapital abtrotzen.
Wenn wir mehr als kleine Erfolge haben oder Verschlechterungen verhindern wollen, müssen wir dem Kapital eine Niederlage bereiten. Das scheint gegenwärtig utopisch. Doch in konkreten Kämpfen für Alltagsinteressen scheint die Kraft auf, die den Kapitalismus überwinden kann.
Kämpfen wir für eine Gesellschaft, in der nicht für den Profit sondern für die Bedürfnisse aller Menschen weltweit produziert wird. “Dann endet die Vorgeschichte der Menschheit” (Karl Marx) und kapitalistische Ausbeutung, Patriarchat, Rassimus und Antisemitismus gehören der Vergangenheit an. Machen können das nur wir, die wir ein Interesse an einer Welt ohne kapitalistische Ausbeutung und Verwertungszwang haben.

Quelle